Stiller Tod

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Es toben verheerende Vernichtungsschlachten um uns herum, mitten unter uns und neben uns. Trotz ihrer Vehemenz und vollendeter Tatsachen kümmern sie kaum jemanden, obwohl sie sich mit nachhaltigen Konsequenzen auswirken. Die Ignoranz der Menschen rührt daher, dass die Kriegsschauplätze nicht nur außerhalb ihrer Wahrnehmung liegen, sondern vor allem ihr Vorstellungsvermögen übersteigen. Sie sind mit den Zusammenhängen völlig überfordert.

Da kein direkter Einfluss spürbar ist, ist es den meisten schlichtweg egal – so entsetzlich das auch sein mag.

Millionenfach sterben durch menschliches Agieren Tiere und Pflanzen bis hin zur totalen Ausrottung. Unzählige Arten wurden dabei noch nicht mal entdeckt, existierten aber weitaus länger als ihre Vernichter. Die Menschen kamen, eroberten und zerstören mit ihrer plumpen Einfalt einfach alles. Mit vor Stolz geschwellter Brust zertrampeln sie hochnäsig jedes Leben, was keinen unmittelbaren Nutzen erfüllt. Stellt sich heraus, dass etwas nützliches, womöglich sogar lebensrettendes vom Genozid heimgesucht wurde, ist das Gejammer stets groß. Dann erfolgt kurzzeitige Reue und Einkehr, meist begleitet mit ambitionierten Zielen zur Besserung. In der Regel leiden derartige Vorsätze unter einem kurzen Verfallsdatum, denn einschränkende Veränderungen an seiner Völlerei sind äußerst unbeliebt.

Anders würden Menschen wohl reagieren, dezimierte eine tödliche Seuche Schweine oder Rinder. Behandeln sie diese Lebewesen zwar schlechter als ihre Schuhe, würde ein weltweiter Aufschrei die Erde zum Beben bringen. Dabei könnte ein derart tödlicher Virus aus Menschenhand stammen, weil sie in ihren Laboren versuchen Gott zu spielen, was ein solches Szenario mit bittersüßer Ironie würzt.

Auch ohne menschlichen Einfluss sterben Pflanzen- und Tierarten aus. Dinosaurier dürften das bekannteste Beispiel sein. Hierfür sind aber ganzheitliche Prozesse verantwortlich. Vorgänge die stattfinden, weil der gesamte Planet permanent in Bewegung ist. In jeder Sekunde verändert sich die massige Kugel und gleicht niemals einem vorigen Zustand. Evolution genannt, wird damit ein in seiner Gänze lebendiges System beschrieben.

Beharren die Menschen auf ihre heraushebende Stellung, weil sie sich als einziges Individuum Intelligenz zuschreiben, nehmen sie dennoch ihre Begrenztheit nicht wahr. Die Komplexität ihres Lebensraums übersteigt sämtliche Kapazitäten an Vorstellung und Begreifen. Deren Vorhandensein beschränken sich lediglich auf die eigenen Bedürfnisse. Darüber hinaus gehende Verquickungen sprengen regelmäßig seine Fähigkeiten, weswegen sie von vornherein ausgeblendet werden. Verdrängen ist dabei noch die harmloseste Form, zumeist wird verweigert oder gar geleugnet.

Was macht es schon aus, wenn es Lotus maculatus (gefleckter Hornklee), eine Pflanze, von der nur noch 11 Exemplare existieren, nicht mehr gibt? War sie je wichtig oder hatte irgendwelchen Nutzen für uns Menschen? Klar sind Pandabären niedlich und Orang-Utans irgendwie erstaunlich, aber wenn wir nicht mehr auf ihre Lebensräume Rücksicht nehmen müssten, könnten wir die Flächen für brauchbareres nutzen. Wird aufgezeigt, dass sich der Boden unter einem stetig bewegt, weil die gesamten Landmassen dieser Erde unaufhörlich in Bewegung sind, erregt dies vielleicht Erstaunen, bleibt aber abstrakt. Zeitrechnungen über die eigene Lebenszeit hinaus, werden mit zunehmendem Abstand immer diffuser, bis sie sich auflösen. Millionen oder Milliarden von Jahren ist eine erfassbare Aussage, die aber inhaltlich leer bleibt. Die Erdzeit unterliegt keinem überfrachteten 24-Stunden-Tag und erhält dadurch keine Gültigkeit. Ihre Vorgänge liegen außerhalb der Wahrnehmung, was sie irrelevant macht.

Bedauerlicherweise bleiben alle Erklärungsversuche vergebliche Bemühungen. Mangelt es den meisten bereits am Interesse, hapert es spätestens am Begreifen. Erfassen basiert auf Wissen und Verstehen, geht aber eben den entscheidenden Schritt darüber hinaus. Enormen Anteil daran hat Akzeptanz. Anzuerkennen, dass etwas von Bedeutung ist, auch ohne direkten Bezug zum eigenen Leben. Allem einen Wert und seine Berechtigung im Gesamtsystem zuzugestehen, liegt weitab unserer anerzogenen Grenzen und festgelegten Normen. Ohne diese fühlen wir uns halt- und damit hilflos.

Wir müssten über den eigenen Schatten springen und uns als Bestandteil einer gesamtheitlichen Symbiose sehen, was allerdings als unangemessener Eingriff in die Selbstherrlichkeit abgewiesen wird. Sich jedoch aus dieser Gleichung nehmen und als übergeordnete Instanz zu platzieren, entzieht einem eben jene Einheit. Die eigene Grundlage mit Füßen treten, führte zur aktuellen Entwicklung und die Menschheit auf das selbst gebaute Schafott. Wider besseren Wissen zugleich Täter und Opfer sein, ist fern jeglicher Intelligenz. Paradox, dass wir uns Homo sapiens nennen, von dessen Übersetzung – verstehender, verständiger, weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch – wir meilenweit entfernt sind. Keine andere Lebensform führt einen Vernichtungskrieg gegen sich selbst oder ihren Abhängigkeiten.

Der stille Tod streckt seine Fühler nach uns aus. Das wird aber alles andere als leise. Lautstark werden wir uns erst gegenseitig die Köpfe einschlagen, weil jeder dem anderen die Schuld gibt, um anschließend vor Selbstmitleid jammernd dahin zu darben. Ob die damit einkehrende Einsicht tiefgründig ist, spielt dann keine Rolle mehr. Zu spät bedeutet eben auch hinterher, danach oder schlicht: Den Anschluss verpasst.

Folgende Aussage wird zwar erfasst und durchaus verstanden, ihre Tragweite aber abgelehnt, weshalb jede Handlungsnotwendigkeit ausbleibt:

Wir brauchen die Erde, aber die Erde braucht uns nicht.


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