Neue Liga der Willigen

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Mit anzusehen, wie das Schiff auf den Wasserfall zu treibt, auf dessen Grund es unweigerlich zerschellen wird, weil man sich einer vermeintlichen Gemeinschaft verpflichtet fühlt, ist das eine. Gerade in dieser Situation den normalerweise dominierenden Selbsterhaltungstrieb, die alleinige Sorge ums eigene Wohlgefallen, über Bord zu schmeißen, das andere. Wir Menschen bestehen aus Widersprüchen, die bereits unsere Existenz fragwürdig erscheinen lassen, unser Überleben erst recht. Jedoch arbeiten wir mit Eifer am gemeinsamen Untergang, weil uns die Vorstellungskraft über die Folgen unseres Handelns fehlt.

Allerdings nicht überall, sodass aus einigen Ecken leiser Widerstand wahrnehmbar ist. In Anbetracht verfestigter Seilschaften, festgefahrenen Strukturen und eingerosteter Verbindungen ist eine Trennung jedoch unwahrscheinlich. Die hörbaren Rufe resultieren eher aus der erdrückenden Enge, wo man sich gegenseitig auf die Füße tritt, nicht aus Einsicht vor notwendigen Veränderungen oder gar aus der Vorstellung heraus, auf getrennte Wege ausscheren und andere Verhaltensformen annehmen zu können.

Dabei wäre genau das unser aller Rettung und der letzte frei wählbare Notausgang. Wahrscheinlich werden wir wieder an uns selbst scheitern, weil uns für eine neue Welt Ordnung alle notwendigen Zutaten zur Umsetzung fehlen: Vision, Mut, Courage, Willen und insbesondere innere Größe. Wir müssten zuerst Fehler eingestehen, was nahezu unmöglich ist. Dann müssten bisherige Verflechtungen gekappt werden, was in Anbetracht der zu erwartenden Verärgerungen mögliche Absichten im Vorwege aufweicht. Den alten Gefährten Kurzsichtigkeit vorhalten, wäre zudem kontraproduktiv und behinderte jegliche Pläne.

Der wirkliche Grund allen Zögerns ist allerdings tief in uns verwurzelt: Angst. Andersherum fehlt uns sein Gegenpart, um den entscheidenden ersten Schritt zu gehen: Mut.

Was für den Einzelnen noch umsetzbar und motivierend klingt – kein Mut ohne Angst – stellt sich auf Landesebene vielfach schwieriger dar. Selbst die erweiterte Version – wozu befähigt mich mein Mut, obwohl ich Angst habe – kann angesichts der Vielzahl an verantwortlichen Personen kaum verwirklicht werden. In jedem steckt die gleiche Befangenheit, die sich dann entsprechend summiert. Unbeachtet bleibt unser innerlicher Herdentrieb, der eine Kettenreaktion Gleichgesinnter erwarten lässt, womit anfängliche Unsicherheiten schnell ihr Schrecken verlieren dürften.

Ist unsere Entwicklungsgeschichte von Pioniergeist getrieben und gezeichnet, scheinen wir diesen zwar nicht verloren, aber auf die Verbesserung von Bequemlichkeit und Komfort reduziert zu haben. In unseren Augen haben wir uns die Welt untertan gemacht und uns eingerichtet, warum sollten wir die Zustände großartig ändern und womöglich Nachteile riskieren? Mit alltäglichen Scharmützel und Unzulänglichkeiten sind wir ausreichend beschäftigt. Die meiste Energie benötigen wir sowieso, um mit Ellbogen um Aufmerksamkeit und unseren Platz zu kämpfen.

Ein neuer Verbund aus Willigen wäre kein kleiner Dorf-Club, sondern besäße von Beginn an eine wirkungsvolle Schlagkraft. Ständig vor den USA zu Kreuze kriechen ist inzwischen völlig unverständlich. Mit vom Fett geschwollenen Augen und abgebauter Muskulatur im Kopf erkennt der selbsterkorene Weltführer nicht mehr, dass sich vor ihm ein tödlicher Schlund auftut. Warum das viel größere Europa treu-doof hinterher dackelt, ist nicht nur fragwürdig, sondern den Bewohnern längst nicht mehr vermittelbar. Wenn Bevölkerungen anderer europäischer Länder ähnlich viel Mumm im Arsch hätten, wie die Franzosen, wären wohl spürbare Veränderungen möglich. Vermutlich würde Europa die Courage entwickeln einem neuen Bündnis voranzugehen.

Es gibt vieles, was die Welt nicht braucht. Am wenigsten krankhaft psychopathische Kriegstreiber, deren Arroganz noch von Dummheit übertroffen wird.

Es braucht nur wenig, was die Welt besser macht. Als Erstes einen Impuls, um die Tür zu neuen Wegen zu öffnen. Unsere Vorfahren haben ihre Angst in Mut verwandelt. Wir haben diese Fähigkeit nicht verloren, nur unter Pommes und Chips-Tüten vergraben.

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