Linkes Vakuum

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Ein respektvolles Miteinander sucht man heutzutage vergeblich. Angeheizt von einer realitätsfernen Politik entwickelte sich eine rücksichtslose Ausnutzungsgesellschaft. Weltweit. Während gnadenlos gescheffelt wird, was das Zeug hält, werden sämtliche Folgen unter den Teppich gekehrt. Was angesichts der Dimensionen verständlich ist. Niemand will sich damit beschäftigen, häuft lieber mehr überflüssigen Besitz an, um sich dahinter vor den Konsequenzen zu verstecken. Dabei sind diese unausweichlich und viel näher, als es einem lieb sein kann.

Alles mit sozialem Bezug hat versagt: Sozialstaat, soziale Marktwirtschaft, SPD, Die Linke, selbst die DKP hat es in die Bedeutungslosigkeit geschafft. Nicht die Konzepte scheiterten, sondern die für deren Umsetzung verantwortlichen Politiker, egal welcher Couleur. Obwohl sie Verursacher sind, treffen ihre Auswirkungen unbeteiligte Unschuldige, die ihnen auf den Leim gegangen sind. Zu allem Übel mangelt es den Missetätern an Einsicht und Vermögen für Veränderungen.

Fortwährend proklamieren diverse politische Lager die Mitte für sich. Mitte klingt ausgewogen. Mitte fühlt sich neutral an, woran sich niemand stört und was nicht aneckt. Mitte scheint bequem und angenehm zu sein. Mit der Mitte sollen sich alle arrangieren können. Mitte ist konform. Für ihre Existenz benötigt sie aber links und rechts relevantes Gewicht.

Dieses Gerede wird obsolet, sobald ein Flügel wegbricht. Vogel oder Flugzeug fliegen mit einem Flügel nicht. Fehlt bei einer Wippe das Gegengewicht, kracht die andere Seite auf den Boden und alles rutscht herunter. Versuchen die Sitzengebliebenen ihr fehlendes gegenüber künstlich herbeizureden oder sich deren Positionen anzueignen, ist das pure Heuchelei. Macht diese Dreiteilung und das monotone Gefasel von der Mitte überhaupt Sinn oder soll damit das Gewissen beruhigt werden? Was machen die Menschen, deren gesellschaftlicher Anspruch verhallt, weil ihre Stimme keine politische Vertretung findet? Ihnen vorwerfen, sie hätten ihre Kreuze falsch gesetzt, drückt lediglich Ignoranz aus und zielt an der Problematik vorbei.

Andererseits sollte man hellhörig werden, umso mehr Politiker für sich die Mitte beanspruchen. Wird etwas besonders betont und stereotyp wiederholt, dient dies einzig dazu, es den Menschen als wahr in deren Köpfe zu hämmern. Hört man überall und ständig, wie sehr Politiker A oder Politikerin B vorgeblich die Mitte repräsentieren, übernimmt man es irgendwann ohne weiter zu hinterfragen. Erreicht wird damit eine Verschiebung von Gesinnungen. Definiert das ehemalige Rechts die Mitte neu, rücken vormals abgelehnte, extreme Randgruppen an die freie Position, erben dessen gesellschaftliche Akzeptanz und dringen bis in parlamentarische Ebenen vor.

Eine Analyse vorhandener Bedürfnisse in der Bevölkerung würde zutage fördern, dass sie sich nach linken Inhalten geradezu verzehren, fast schon danach betteln. Kaum dringlicher braucht es links eine spürbare Gewichtszunahme, damit sich die rechte Seite nicht ungezügelt bis zur Alleinherrschaft aufschwingt und ausgleichende Strömungen trocken legt. Unerwartet stieß hierzulande ausgerechnet die SPD den Dolch ins eigene Fleisch und begründete damit die Talfahrt linker Politik. Die Linke versagte, den frei gewordenen Raum zu besetzen, um fortan den linken Kurs zu bestimmen. Stattdessen durfte über viele Jahre deren klägliche Bemühungen mitsamt fulminantem Scheiterns beobachtet werden. Was angesichts der günstigen Voraussetzungen eine desaströse Leistung ist.

Das letzte Führungsduo der Partei, Riexinger und Kipping, war ja nett und sympathisch, aber auch farblos, zu leise und höflich. Kipping zudem schwächlich und zögerlich. Ob die aktuellen Nachfolgerinnen, Wissler und Hennig-Wellsow, den Karren je wieder zum Laufen kriegen, darf in Anbetracht, wie tief dieser festgefahren ist, bezweifelt werden. Lediglich die Position des kritischen Kommentators an der Seitenlinie einzunehmen, ist jedoch ziemlich anspruchslos und für den herrschenden Bedarf unzureichend. Augenscheinlich verhindert Angst vor Verantwortung ambitioniertes Vorpreschen. Darüber hinaus dient die öffentliche Demontage des einzigen Zugpferds nur dazu, sich zum Gespött zu machen.

Während Die Linke um Gehör buhlt, schickt die SPD einen Kandidaten ums Kanzleramt ins Rennen, der locker viele Wettbewerbe gewinnen würde, die aber allesamt nichts in der Politik verloren haben: Heuchelei, Verlogenheit, Vergesslichkeit, Korruption, totalitäre Phantasien, Ausbeutung, Armutsförderung, Verantwortungslosigkeit. Wie gekonnt die Bevölkerung getäuscht wird, zeigt deren aktueller Aufwind. Die Partei hat den größten Verrat am Sozialen begangen und gehört endlich dafür abgestraft. Erschreckend, wie leichtgläubig Menschen Wahrheiten ignorieren.

Derweil plant die neue – angebliche – Mitte ihre konservative, neoliberale Politik zu forcieren. Die ohnehin zwielichtige Finanzbranche soll zusätzlich gefördert und es Unternehmen erleichtert werden, ihre Profite zu steigern. Dieses hauptsächlich durch Firmenzusammenschlüsse und im Umgang mit den Mitarbeitern, was in der Regel Reduzierung der Lohnkosten oder Stellenabbau bedeutet. Ganz zu schweigen davon, dass der Reichtum der wohlhabenden Elite selbstverständlich unangetastet bleibt und alle darunter liegenden Klassen zum Ausbügeln ihrer Schandtaten herangezogen werden.

Exemplarisch sei deren Vorstellung geschildert, was Bürger bezüglich ihrer Rente leisten sollen. Demnach wälzt der Staat Verantwortung und Verpflichtung vermehrt auf die Schulter jedes Einzelnen ab und entzieht sich damit selbigen. Aus der Staatskasse soll lediglich ein minimaler Zuschuss fließen, während private Investments zur Deckung des Lebensbedarfs dienen sollen. Darunter ist zu verstehen, dass unbedarfte Bürger sich als Aktien-Zocker betätigen sollen. Selbst wenn sie diese Aufgabe vermeintlich seriösen Anlageberatern übertragen, begeben sie sich in die Hände des Teufels, weil der Bock zum Gärtner gemacht wird. Der Finanzmarkt insgesamt ist inzwischen vollkommen degeneriert und zu einer prallen Eiterbeule angewachsen, die zwangsweise platzen muss. Weil bisherige Wege zur Kapitalsteigerung versiegen und sich die Branche durch künstlich aufgebauschtes Luftgeld speist, braucht sie frisches Blut. Da Otto Normalverbraucher nicht freiwillig sein schwer verdientes und immer knapper werdendes Geld in den Rachen spekulativer Bestien wirft, eilt wie üblich korrupte Politik herbei und transformiert die Wünsche der Wirtschaft in Gesetze. Woher bei zunehmend prekären Einkommensverhältnissen oder den vom Sozialsystem abhängigen Haushalten die notwendigen Gelder für den Aufbau einer zum Leben reichenden Rente kommen soll, interessiert die Initiatoren nicht im geringsten. Hier von Absicherung oder gar Versicherung sprechen, ist eine verachtenswerte Verballhornung und Respektlosigkeit gegenüber den Menschen. Als bürde ihnen Systemfehler nicht schon genug Lasten auf, sollen sie zusätzlich mit ihrer Lebensleistung dafür büßen. Grotesk.

Erwähnenswert ist sicherlich noch, dass zum Beispiel der Bestand an Sozialwohnungen seit 1990 um 60 % gesunken ist, die Zahl sozial Bedürftiger dagegen beständig steigt. Überhaupt zündelt auf dem Immobilienmarkt längst die Lunte und droht zu explodieren. Spekulationen mit Betongold haben sich in surreale Höhen aufgeschaukelt, deren Auswüchse bald sichtbar werden. Gewohnheitsmäßig wird Politik dann aus allen Wolken fallen und beteuern, es nicht kommen gesehen zu haben. Natürlich nicht, wenn man wegguckt und Vorzeichen ignoriert.

Dabei sind dies nur zwei hervorstechende aus einer Vielzahl linker Themen, die derzeit unter den Nägeln brennen. Die Krux ist, dass immer mehr Menschen die wahre Zuordnung ihrer Bedürfnisse verweigern und stattdessen in rechte Ecken flüchten. Dort plustern sie sich unter Gleichgesinnten laut gackernd auf und begreifen nicht, dass sie von eloquenten Dogmatikern ausgenutzt werden. Von einer elitären Führungsriege angestachelt, läuft das Fußvolk wutschäumend durch Straßen und digitale Medien. Unbemerkt manipuliert, überlagern niedere Instinkte das begrenzte Denkvermögen und verhindern dadurch das Erkennen von Wahrheiten. So landen soziale Belange in die Klauen asozialer Strukturen. Dort werden sie durch den Wolf gedreht, umgedeutet und dem keifenden Gefolge als Futter kredenzt.

Nicht nur in Deutschland breitet sich linke Ödnis aus. Rechtsnationale Kräfte nutzen diese Schwäche auch anderswo, um ihren Einfluss auszubauen. Linkes Territorium wird zwar nicht okkupiert, aber weitestgehend ausgeblendet … mundtot gemacht … unterdrückt … diffamiert. In manchen Ländern haben linke – soziale – Ambitionen bereits die Schlacht verloren. Dort steuert man auf dystopische Zustände zu. Jene Bevölkerungen dürften verneinen sich derartiges zu wünschen und sind doch für diese Entwicklungen verantwortlich. Die Scham dürfte überwältigend sein, wenn zu spät erkannt wird, was angerichtet wurde. Aufgerieben von kapitalistischen Ansprüchen und mit globalen Zusammenhänge überfordert, verlocken wohlklingende Versprechungen machtbesessener Politiker ihrem vermeintlich bequemen und sicheren Weg zu folgen. Trotz unseres angeblichen Informationszeitalters scheinen es Rattenfänger immer leichter zu haben ihre Opfer hinter sich zu versammeln.

Despotische Tendenzen allerorten basieren auf politischem Ungleichgewicht. Globale Erfordernisse, die sich unübersehbar offenbaren, verstärken, zu allem Überdruss, lediglich autokratische Züge. Wenig verwunderlich finden diese Vorgänge in überwiegend wohlhabenden Ländern statt. Verlustangst lässt sich am leichtesten schüren. Einmal aktiviert, sind Menschen für rationelle Denkweisen nicht mehr empfänglich. Verheerend ist, dass mancherorts religiöse Gruppierungen sich am totalitären Züngeln beteiligen und mit gespaltener Zunge predigen. Allerdings ähneln sich beide Begehren und mit Fanatismus kennt man sich schließlich aus.

Sämtliche Entwicklungen sind besorgniserregend. Bei einem System, welches auf Ausbeutung gründet, aber unvermeidlich. Neoliberaler Kapitalismus speist sich aus Macht und Gier. Beides ist im rechten Milieu heimisch. Postulieren, linke Kräfte hätten versagt, würde den Umständen nicht gerecht werden. Gegen den Sog rechter Gewalten wirken sie jedoch machtlos. Schmerzverzerrt wohnen sie dem eigenen Untergang bei. Dass dieser Prozess lange vor den heutigen Akteuren begann, dürfte wenig beruhigen. Die hässlichen Auswirkungen eines linken Vakuums werden alle zu spüren bekommen, auch der rechte Flügel. Nicht unterschätzen: wir stehen erst am Anfang dieser Verwerfungen.


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