Kapitalistische Erziehungsmaschinerie

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Weltweit finden sich nur noch wenige weiße Punkte, an denen der Kapitalismus noch keinen Einzug erhalten hat. Zurückgezogene indigene Volksgruppen halten sich erfolgreich die vermeintliche Zivilisation vom Leib. Daneben existieren einige hellgraue Punkte. Ebenfalls indigene Gruppierungen, die ihrer Tradition nach leben und nur rudimentäre Berührungspunkte zur kapitalistischen Lebensweise haben, um von dieser vereinnahmt zu werden. Die restliche Weltkarte versinkt im tiefsten Schwarz.

Schwarz wie die Nacht; wie schwarze Löcher, die alles in sich hinein saugen; schwarz wie ein Krebsgeschwür; schwarz wie die dunkelste Seele; schwarz wie der Tod. Kapitalismus ist eine todbringende Seuche. Eine Krankheit, die uns frühzeitig injiziert wird. Eine Pandemie aus der keine Flucht möglich ist, weil sie überall grassiert. Die nur deswegen nicht bekämpft wird, weil sie zum Normalzustand erkoren wurde. Von den Opfern selbst als Lebenselixier etabliert. Ungestört und kaltblütig frisst sich das System immer tiefer in alle natürlichen Ressourcen und saugt erbarmungslos sämtliches Leben heraus.

Entwickelt sich die Menschheit seit vielen tausend Jahren, schlich sich der Kapitalismus in seiner jetzigen Form erst vor Kurzem ein – zeitgeschichtlich gerechnet. Den deutlichsten Schub verschaffte ihm die Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts. Stotterte der Motor noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts, nahm er dann rasant Fahrt auf und rauscht inzwischen mit Höchstgeschwindigkeit dahin. Unaufhaltsam, denn wer traut sich schon abzuspringen oder das Ungetüm aufzuhalten? Ist seine Mächtigkeit schon beängstigend, verfügt es über ein großes Plus: Es hat sich unverzichtbar gemacht. Widerstand wird im Keim erstickt und Alternativen wurden eliminiert. Jetzt dreht sich alles nur noch darum seinen unerschöpflichen Durst zu stillen. Seiner Systematik geschuldet nimmt dieser jedoch keineswegs ab, sondern wächst kontinuierlich. Ein unersättlich Schlund, der permanent nach mehr verlangt.

Wir Menschen frönen ergeben dem zum Heiligtum erklärten System. Obwohl wir uns mit seinen Unzulänglichkeiten herumschlagen, stellen wir es nicht infrage. Kritik zielt immer auf eine Heilung durch das System selbst ab. Die Lächerlichkeit solcher Forderungen nach Münchhausen Lösungen wird nicht erkannt, weil die notwendigen Fähigkeiten hierfür vom System ausgemerzt wurden. Wie so vieles im Drill der kapitalistischen Erziehungsmaschinerie ausradiert wurde und wird.

Anschaulich beginnen diese Prozesse nach dem 2. Weltkrieg. Wunden wurden geleckt, in die Hände gespuckt und zum Aufbau gerufen. Ungefähr ab Ende der 1950er Jahre war dann auch der Staub abgewaschen und es wurde Zeit für Belohnungen. Geschenkt wurden die einem nicht und merkwürdigerweise wurde das auch weder eingefordert noch angezweifelt. Wie selbstverständlich akzeptierten alle, dass man sich diese erst verdienen muss. Erst muss geleistet werden, um sich etwas leisten zu können. Wobei das System über den Wert entscheidet und festlegt. Wahrscheinlich war im Aufbruch kein Platz für kritische Gedanken. Jeder wollte sich einfach nur endlich etwas gönnen.

Bis um 1980 herum reichte das Einkommen des Familienoberhaupts, um überall den Wohlstand wachsen zu lassen. Das System schraubte aber konstant die Anspruchsschraube nach oben. Um seine Gier zu decken, infiltrierte es fortan den bislang kaum genutzten weiblichen Part der Bevölkerungen. Es heizte Feuer nach Eigenständigkeit, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung an und kitzelte an ihrer Eitelkeit. Erfolgreich, wie der fleißig steigende Konsum bewies.

Damit Kinder nicht hinderlich wurden, erschuf das System heimelige Aufzuchtstationen. Mit Ausweitung dieser Einrichtungen konnten Eltern immer früher die Ergebnisse ihrer Nachschuberzeugung abgeben. So konnte das System zeitig mit dem Training nach seinen Vorstellungen beginnen. Bei den Eltern bedankt es sich, indem es ihnen zahlreiche positive Argumente implementiert, warum dies eine gute und richtige Entscheidung ist und mahnt zugleich an pünktlich das Hamsterrad zu besteigen.

Mit der zum Ende des 20. Jahrhundert durchaus herrschenden Leichtigkeit und Ungezwungenheit war es dann zum Wechsel vorbei. Männer und Frauen fütterten bereits das System, dessen Hunger jedoch laufend stieg. Es nannte sich jetzt Neoliberalismus, weil das modernen klang und Kapitalismus doch eher negativ besetzt ist. Unter neuer Flagge erhöhte es skrupellos den Druck und sortierte rücksichtslos aus. Damit generiert es zwar unschöne Furunkel, kümmert sich aber nicht um deren Auswirkungen. Arrogant übergeht es Zusammenhänge und sieht daher auch nicht die für sich selbst drohende Gefahr.

Doch zurück zu den Kindern, denn hier nimmt die Gehirnwäsche schließlich ihren Anfang. Kindgerecht beginnt es einfach, aber effektiv. Eindrucksvoll entfaltet es dadurch seine infame Nachhaltigkeit. Als die Mutter noch für das Wohl verantwortlich war, lernte der Nachwuchs schnell die Verbindung des abwesenden Vaters mit dem Erhalt von Geschenken. Bevor es selbst mit dem System konfrontiert werden würde, hat es bereits den Mittelpunkt, um den sich alles zu drehen scheint, inhaliert: Geld. Papa ist nicht da, weil er Geld verdienen muss. Nur damit können wir wohnen, essen, trinken, in Urlaub fahren und natürlich Geschenke bekommen. Dafür kann es nicht genug Anlässe geben und sei es das schlechte Gewissen, von dem der Nachwuchs noch keine Ahnung hat. Letztlich locken Geschenke garantiert in die Falle, denn für das System ist nur wichtig sich so früh wie möglich als oberste Instanz in deren Wahrnehmung festzusetzen. Einmal eingefangen kann das System in den Köpfen dann ungehindert wuchern.

Als die Mütter begannen sich an der Fütterung des Systems zu beteiligen, konnte dieses zugleich den Erziehungsprozess optimieren. In passend Kindergarten oder Tagesbetreuung genannten Sammelstellen kann die Saat gleichzeitig in viel mehr Köpfen gedeihen. Überwacht und kontrolliert erhalten die zukünftigen Knechte ihren Schliff. Dieser erfolgreiche Doppelzug könnte für das System Anlass zum Jubeln sein, wenn derlei Verzückungen in seinem Repertoire vorhanden wären. Wie Ebenezer Scrooge hat es für Verschwendungen aller Art, und seien es Gefühlsduseleien, nichts übrig, sondern grübelt lieber über weitere Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung nach.

Wenn sich Vater und Mutter dem System unterwerfen und bedingungslos ausliefern, ist das eine Sache. Aber wo bleibt das Recht der Kinder auf freie Entfaltung? Jeder von uns wird mit der Fähigkeit zum ganzheitlichen Denkvermögen geboren, doch als Handlanger des Systems rauben die Eltern es einfach. Ungefragt müssen Kinder die Verstümmlung ihres Geistes ertragen und hinnehmen. Rigoros wird ihre Unwissenheit ausgenutzt, hintergangen und gegen sie verwendet. Ihre Abhängigkeit und Gutgläubigkeit wird ihnen zum Verhängnis.

Diese Bearbeitung durchliefen auch die Eltern, weshalb sie sich nichts dabei denken, sondern nur gehorsam ihrer implementierten Programmierung folgen. Blindlings ins Verderben laufen, weil uns das System ums Erkennen gebracht hat, ist trotzdem keine unumstößliche Option. Einfach weiter im Wachkoma vor sich dahinvegetieren kann und darf nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Der Bann muss unterbrochen werden. Jetzt. Heute.

Es geht nicht darum Selbstverwirklichung abzuschaffen oder nicht dann und wann Kinder in Obhut zu geben. Allein die Motive sind falsch. Wir haben uns zu Sklaven eines totalitären Systems gemacht, deshalb können auch nur wir uns daraus befreien. Mit den Schultern zucken und der Maschinerie ihren Willen lassen, heißt aufgeben. Kein Wunder, dass die Flucht in digitale Welten so fesselnd ist, wobei der innere Druck stetig zunimmt, um sich dann in Aggressionen zu entladen. Alles Zeichen dafür nicht mehr selber zu denken, sondern sich vom System herumschubsen zu lassen. Wenn wir aufeinander losgehen, haben wir versagt. Alle.


Anmerkung:
Manche Stellen sind absichtlich überspitzt formuliert. Ohne provoziert zu werden, kann der verstopfte Antrieb nicht frei geblasen werden und wieder in Gange kommen. Etwas Empörung schadet nicht, wenn dadurch der eigene Denkapparat stimuliert wird. Das hat jedoch rein gar nichts mit den immer weiter eskalierenden Verhaltensweisen gemeinsam. Zunahme an Wutbürgertum, Sprachpolizisten, Wortverdrehern und Abgrenzungen hängt unmittelbar mit dem kranken System zusammen. Wer allerdings zu feige ist, sich dem entgegenzustellen oder überhaupt dessen Diktatur zu erkennen, von der wir uns befreien müssen oder sich nicht mal vorstellen kann, dass es auch ohne Gier und Ausbeutung funktioniert, kann in seinem kleingeistigen Gefängnis weiter vor sich hin schmoren, sollte aber ganz allgemein einfach insgesamt seine Klappe halten.