Interessiert mich nicht

Lesezeit ~ 5 Minuten

Die Europäische Union (EU) ist ein Staatenbund aus derzeit 27 Nationen. Nach dem Austritt von Großbritannien leben in dessen Grenzen knapp 450 Millionen Menschen. Abzüglich ca. 20 % für den Anteil unter 16-Jährige stehen 360 Millionen Betroffene zur Debatte. 360 Millionen Entscheider und Entscheiderinnen.

Von Januar 2019 bis Januar 2020 sammelten länderübergreifend diverse Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) Unterschriften gegen die Möglichkeiten von Unternehmen, Staaten in geheimen Schiedsverfahren verklagen zu können. Bekannter unter seinem Kürzel ISDS (Investor-state dispute settlement). Natürlich ist die Existenz dieser unsäglichen Paralleljustiz bereits hochgradig verwerflich, soll hier allerdings nicht thematisiert werden. Entscheidend ist das Ergebnis dieser 12 Monate dauernden Sammelaktion, welches als offensichtlicher Erfolg präsentiert wird: 847.000!

0,25 %

Am 27. September 2019 fand ein sogenannter Weltklimastreik statt. Offizielle Zahlen sprechen von ungefähr 6 Millionen Teilnehmern. Immerhin ging und geht es um die Zukunft der Menschheit. Ausgehend von 7 Milliarden Menschen finden dieses Thema wichtig? (aufgerundet)

0,1 %

In meinem Budnikowsky Drogeriemarkt unterhielt ich mich neulich mit einer Mitarbeiterin über die Abschaffung der gelben Säcke (Müllsäcke für das grüne Punkt Recyclingsystem) in unserem Landkreis und Einführung einer gelben Recyclingtonne. In erster Linie für Eigenheimbesitzer relevant, die bisher ihre Säcke vor Abholung am Straßenrand deponierten, denn Mietshäuser sammeln die Säcke von jeher in gelbe Müllcontainer. An dem Punkt, wie die Leute nun den losen Müll mit welchen Auswirkungen in die Abfallbehälter bekommen sollen, zuckte sie mit den Schultern und sprach das bedeutungsschwere Schlusswort: Das sei ja nicht unser Problem.

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag nach dem letzten Absatz offen enden lassen, denn es dürfte inzwischen klar sein, dass ich den Titel nicht auf mich bezog. Allerdings fällt es mir schwer, meine Traurigkeit über die Teilnahmslosigkeit meiner Mitmenschen in Worte zu fassen. Scheinbar nicht umsonst gibt es längst Metaphern für dieses desinteressierte Verhalten. Am berühmtesten werden wohl die drei Affen sein, die nichts hören, sprechen und sehen. Aber auch, den Kopf in den Sand stecken, wird weitreichend bekannt sein. Weggucken und sich nur um seinen Kram kümmern, ist natürlich der einfachste Weg. Zwar nicht elegant und moralisch fragwürdig, dafür pragmatisch und überschaubar. Zudem ist er ja alles andere als leicht, bei dem, was heutzutage von einem verlangt wird.

Stimmt, wir sollen funktionieren, wie es eine Führungselite von uns einfordert. Am besten klappt dies, was auch von eben jenen am wünschenswertesten erachtet wird, wenn wir unseren Kopf nicht über das gerade notwendige Maß hinaus benutzen – zumindest nicht eigenständig. Selig darüber, dass wir uns anstrengenden Entscheidungsfindungen entledigen können, widmen wir uns gerne der dazugewonnenen Bequemlichkeit. Warum sollte man das gefährden, vor allem, wofür? Wir müssen nur aufpassen, dass niemand dieses angenehme Dasein stört. Schon gar nicht unverdient partizipiert oder gar wegnimmt.

Während in den satten Ländern die Lethargie auf ein erschreckendes Level wächst, steigert Korruption in ärmeren Regionen Ungleichheit und Armut. Nur die Diktaturen in China und Nordkorea nehmen derzeit noch eine unrühmliche Sonderstellung ein. Aber weltweit wird an einer Angleichung gearbeitet. Nein, nicht China und Nordkorea werden dem Rest angeglichen.

Die Masse folgt und ist am leichtesten steuerbar, wenn sie dumpf ist. Ob die Form dann Neoliberalismus oder Diktatur genannt wird, spielt doch keine Rolle. Fühlt die Masse sich wohl und wird ihr das Gefühl vermittelt, alles werde nur zu ihrem Besten getan, lässt sie sich wie an einem Steuerpult dirigieren und kontrollieren. Wer nicht selber denkt, wird gelenkt.

Bestimmt haben viele Menschen die Bücher 1984 und Fahrenheit 451 gelesen, aber nicht genug und begriffen haben es dann immer noch die wenigsten. Begreifen bedeutet nicht einfach nur verstehen, sondern Zusammenhänge und Auswirkungen realisieren. Doch an der Übertragung der Geschichten auf das wirkliche Leben scheitern alle – fast alle, außer denen natürlich, die deswegen an den Hebeln der Macht sitzen. Dabei sollten wir gewarnt sein, denn die Redewendung, dass das wirkliche Leben viel schlimmer als jede Geschichte ist, dürfte in den unterschiedlichsten Ausführungen zum Allgemeingut zählen.

Paradox am gezeigten Desinteresse ist, dass man sich dadurch alles nur noch schwerer macht, was zu noch weniger Interesse führt, womit man alles wiederum noch unerträglicher macht. Klingt ziemlich dämlich. Ist es auch.

Allerdings befinden wir uns insgesamt auf dem falschen Weg, weshalb jegliches Ausscheren vergebliche Bemühungen sind. Zum Scheitern verurteilt. Wir. Alle. Wer jedoch mit einem Aufschrei, Aufbäumen und entschlossenem Handeln rechnet, wird angesichts der gezeigten Gleichgültigkeit von lähmender Fassungslosigkeit und schmerzhaftem Unverständnis übermannt.

Vielleicht sollte ich lieber sagen: interessiert mich nicht?

PS: Die beiden Ergebnisse drücken deutlich kein Interesse aus und/oder das Menschen zu den Themen nicht erreicht werden. Angesichts dessen verwundert wiederum jegliches Desinteresse der Politiker*innen nicht. Solche Ausgänge dann als Erfolge zu feiern, deutet eher auf Realitätsverlust oder einen Hang zum Lächerlich machen hin – oder beides. Niederlagen einzugestehen wäre ehrlicher, aber heutzutage wird ja alles verdreht und schön geredet. Das ist weder hilfreich, noch eines respektablen Vorbilds würdig und sendet für den Umgang miteinander wenig förderliche Signale aus. In Zeiten von Schein und Sein spielt das aber wohl keine Rolle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

19 + eins =