Globaler Selbstmord

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Was für sich bereits besorgniserregend klingt, vervielfacht sich durch den Umstand, diesen weniger aktiv, als durch Passivität herbeizuführen. Lethargische Ignoranz macht jeden automatisch zum Mittäter eines globalen Mordanschlags, von dem man dummerweise auch selbst betroffen ist.

Dieser Selbstbetrug geht so weit, dass wir den vollbesetzten Karren mit voller Wucht gegen die Wand zu fahren drohen und trotzdem wird es nicht (an)erkannt, klein geredet, komplett ignoriert oder gleich ganz abgelehnt und verweigert. Mahner und Aufklärer werden zu Feinden. Sämtliche Indizien und Beweise werden abgetan, notfalls verdreht und als Panikmache abgestraft. Was von der Warte her verständlich ist, da jedes Anerkenntnis im selben Atemzug ein Bekenntnis zu Veränderungen ist, die entgegen anerzogenen Bestrebungen stehen. Wer will schon seine Komfortzone verlassen?

Darum blenden wir aus der jeden Tag über uns hereinbrechenden, gigantischen Informationsflut alles aus, was dem eigenen Wohlbefinden widerspricht. Die vermeintliche Wahrheit wird selektiert, hingebogen und zurechtgerückt. Wir verweigern uns den schlechter werdenden Bedingungen und akzeptieren nicht, selbst dafür verantwortlich zu sein. Deshalb schieben wir die Schuld lauthals anderen in die Schuhe und fordern diese auf, mit einem magischen Schalter alles neu zu gestalten. Denn diktieren uns die eingebrockten Umstände eine ungewohnte Verhaltensweise, sträuben wir uns reflexartig dagegen, womit wir die Umstände weiter verschlimmern.

Absurderweise lehnt sich niemand gegen die Diktatur von Google, Amazon und Facebook auf, weil es am Begreifen mangelt. Zudem sind die gebotenen Möglichkeiten viel zu verlockend, als sie infrage zustellen. Beim ausufernden Überwachen und Ausspionieren durch Wirtschaft und Staat wird nur das staatliche Begehren mit Gebell quittiert, letztlich aber genervt hingenommen. Niemand will auf die schönen neuen Bequemlichkeiten verzichten und bewahrt sich mit verdrehten Argumenten seinen Rausch.

Wir setzen die Prioritäten falsch, indem wir uns über alles erheben und die eigene Befriedung voran stellen. Mag das für unsere steinzeitlichen Vorfahren noch überlebensnotwendig gewesen sein, haben wir uns von damaligen Lebensverhältnissen meilenweit entfernt – mit Ausnahme unseres Denkens, das von seinen Herrschafts- und Machtgelüsten nicht lassen kann. Erstaunlicherweise passt es sich den jeweiligen Bedingungen an, verweigert sich aber jeder Weiterentwicklung – es lernt nicht dazu.

Eine Folge davon ist, dass wir Tatsachen (ein)fordern. Jedoch lassen sich Natur und Klima nicht in Stein meißeln. Wir können nicht mal erfassen, dass der Boden unter unseren Füßen ständig in Bewegung ist. Selbst in Regionen, die die Kräfte von Erdbeben und/oder Vulkanausbrüchen unmittelbar zu spüren bekommen, wird versucht die Monster zu zähmen, als nachzugeben.

Wir hadern mit dem Makel, nicht in die Zukunft sehen zu können, was unsere größte Sehnsucht ist. Allerdings haben wir damit unser bestes, geduldigstes und unerschöpflichste Opfer gefunden, wo all unsere Schuld abgeladen werden kann. Gesicherte Prognosen über Auswirkungen unseres Handels sind nicht seriös zu erstellen, sonst würden wir höchstwahrscheinlich vollkommen anders leben. Anzunehmen ist, dass sich unsere gesamte Entwicklung anders gestaltet hätte.

Was wir hingegen schon immer konnten und sich über die Evolution hinweg verbessert und verfeinert hat, sind Zeichen zu deuten und Schlüsse daraus zu ziehen. Wobei jegliche Zeichen unserem Erfahrungsschatz und Wissen entspringen, dementsprechend ständig zunehmen. Inzwischen sind die auf die digitale Welt übertragenden Algorithmen fähig unser Handeln vorherzusehen und/oder die Umgebung diesem anzupassen, um uns andernfalls sachte in gewünschte Richtungen zu leiten.

Nur unsere Arroganz verweigert jede Erkenntnis, weil sich im Laufe unserer Entwicklung fest in unseren Gehirnwindungen eingebrannt hat, dass Wahrheiten bitter und eklig schmecken. Zudem verlangen sie uns regelmäßig Einschränkungen und Verzicht ab. In Zeiten, wo Profit, also Bereicherung, alles ist, sind das keine akzeptablen Variablen. Lieber laufen wir mit offenem Visier in eine Schlacht und reden uns ein, dass wir diese schon gewinnen, weil wir kein anderes Ergebnis dulden, erlauben und natürlich schon gar nicht erwarten. Gesetz dem zur Bankenkrise kreierten Motto – zu Groß, um zu fallen – ist ein Scheitern unsererseits ausgeschlossen.

Bekanntlich kommt Hochmut vor dem Fall, offenbart aber einen weiteren Schwachpunkt in unserem Denken: Begrenztheit. Die Krux dabei ist, dass selbige zugleich dafür sorgt, nicht entdeckt zu werden. Außer in ihrem stofflichen Pendant, dem Leben, weshalb dessen unausweichliche Grenze uns zu maximalen Ausschweifungen verleitet. Verstärkt von der Ungewissheit über den Zeitpunkt des Erreichens. Deshalb ist sich jeder selbst der nächste. Warum sollte man den Genuss des eigenen Lebens danach ausrichten, wie sich selbiges zukünftig auswirkt? Jede Generation musste mit den vorhandenen Gegebenheiten zurechtkommen und konnte sich die nicht aussuchen, also müssen kommende Generationen mit dem zufrieden sein, was ihnen hinterlassen wird.

Was bei unseren Vorfahren dem nackten Überleben diente, hat sich zur Manie entwickelt: Macht. Sich einer Übermacht bemächtigen, drückt unser tägliches Bestreben auf beängstigend eindrucksvolle Weise aus. So offensichtlich, wie unerkannt. Sichtbar nur für wenige, die nicht unter dieser Knechtschaft stehen. Dabei ist unser Horten einzig ein Umverteilen. Was einer erhält wurde woanders weggenommen. Nur weil wir in digitalen Zeiten fiktives Geld generieren, steht dem kein ausgleichender Wert gegenüber. Wir haben lediglich unseren alten Traum, Blei in Gold verwandeln, in neuzeitliche Form gegossen.

Überheblich sehen wir darüber hinweg, dass sämtliche Faktoren exponentielle Steigerungen aufweisen. Wer die Zusammenhänge erfassen kann, versucht seine Vorteile daraus zu ziehen, was in der Regel ein weiteres Anheizen der fatalen Entwicklung bedeutet. Der überschaubare Zeitrahmen eines jeden Lebens, in Verbindung mit wachsenden Fähigkeiten der zur Seite stehenden Hilfsmittel, nähren einzig unsere Gier. Die Gier nach immer mehr, um sich über den Rest zu erheben. Langfristiges und/oder soziales Denken bremsen oder negieren gar derartiges Bestreben, weshalb sie geächtet werden.

Anno dazumal diente die Einführung eines Zahlungsmittels lediglich der Erleichterung des herrschenden Geschäftsprinzips. Der Tauschhandel war sicherlich wenig komfortabel und mit allerlei Widrigkeiten besetzt, aber es waren zumindest reelle Werte beteiligt. Über die Jahrhunderte wurden diese papierenen Scheine nicht nur immer weiter in ihrem Erscheinungsbild verfeinert, sondern ihrer Existenz immer mehr Gewicht verliehen. Spätestens mit Beginn des Industrie-Zeitalters, Ende des 19. Jahrhunderts, rückte Geld in den Mittelpunkt. Wie schnell und wie stark wir uns davon abhängig machten, zeigte sich bereits im Oktober 1929, als die New Yorker Börse zusammenbrach und eine Weltwirtschaftskrise auslöste, die erst 1932 ihren Tiefpunkt erreichte. Inzwischen haben wir Geld zur Gottheit erhoben und ihm unsere Existenz zu Füßen gelegt.

Nach wie vor benötigt das immaterielle Zahlungsmittel einen materiellen Gegenwert. 50 Euro in der Hand sind nur buntes Papier. Erst an der Kasse im Supermarkt verwandelt es sich in ein wertvolles Guthaben. Dies ist auch die Dimension, in welcher die Masse der Menschen das Zusammenspiel erfassen kann. Das eigentliche Geschehen ist dagegen eine diffuse Welt, deren Dominanz nur dann wahrgenommen wird, wenn es dort zu Komplikationen kommt.

Nichtsdestotrotz benötigt die Scheinwelt materielle Inhalte zum Nachweis ihrer Existenz und Feststellung ihrer Wertigkeit. Arbeitsleistung gehört zwar dazu, ist aber einer der lästigen Faktoren, weshalb ständig an dessen Minimierung gefeilt wird. In der Hauptsache markiert immer noch Besitz den tatsächlichen Stellenwert. Diese materiellen Gegenstücke können Ressourcen oder Produkte aus selbigen sein und haben deswegen eines gemeinsam: sie sind begrenzt. Denn dieser Planet ist alles, was uns zur Verfügung steht. Alles, aus dem wir schöpfen können.

Unsere bisherige Entwicklung zieht daher folgenschwere Konsequenzen nach sich, denn an ihrem Ende kann nur totale, komplette Ausbeutung stehen. Das fatale ist nun, dass wir dieses zwar wissen, es unsere animalischen Triebe aber nicht zulassen, daraus andere Handlungsweisen abzuleiten. Die Redewendung, nach mir die Sintflut, verbildlicht unseren Standpunkt. Wir pflanzen uns fort, weil uns unsere Gene mehr oder weniger dazu zwingen. Jedoch hat sich in der kurzen Zeitspanne unserer Existenz die Einstellung dazu grundlegend geändert, ist bislang nur noch nicht in unser Bewusstsein vorgedrungen. Während alles Lebendige seine Art erhalten will, reden wir uns diese Verpflichtung schön und erschaffen zusätzliche böse Geister in unseren Köpfen. Das ebenfalls genetisch programmierte Potential zur Dominanz hat sich inzwischen an die Spitze unseres Baukastens gesetzt. Im Gefolge der damit verbundenen Herrschaftsallüren reist der Neid. Dieser richtet sich auf alles und kennt dabei keine Verwandtschaft. Denn würde wir Nachsicht durch Voraussicht üben, können wir im eigenen Leben nicht die penetrant drängende Raffgier befriedigen. Das erzeugt einen inneren Druck, dessen Ventil bevorzugt Aggressionen sind, weil deren plumpe Struktur viel gespeicherte Energie abgeben kann.

Gnadenlos beuten wir alles aus, weil wir nur uns selbst alles gönnen. Nicht mal unseren eigenen Kindern und sind zugleich unfähig, dieses einzugestehen. Wir sträuben uns gegen diese Sichtweise, was vielleicht verständlich, aber gleichfalls dumm ist. Im erweiterten bzw. indirektem Sinne sind wir Kannibalen. Das will natürlich niemand hören. Ebenso bestreiten wir vehement, auf einen kollektiven Genozid hinzusteuern. Wir blenden Abträgliches aus und erlauben nur Wohlgefälliges den Einlass in unseren Wahrnehmungsbereich. Mit unserem widersinnigen Verhalten schaffen wir ein Ungleichgewicht und gefährden damit sämtliches Leben – unseres inbegriffen.


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