Fragmentierter Widerstand

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Es gibt sie. Sie sind vorhanden. Reichlich. Mehrfach. Vielfach. Sogar lautstark genug – wenn man hinhört. Und hier verbirgt sich der Schlamassel. Wie bei einem Radio muss man den Sender einstellen, um dessen Inhalte zu empfangen. Dazu muss man aber erst mal wissen, dass die Station existiert, welches Programm dort läuft und man es hören will. Aktives Handeln ist erforderlich. Umso größer dann die Auswahl an Sendern ist, desto schwieriger wird die Entscheidung. Letztlich kann nur eine Quelle aus den Lautsprechern quäken und meist gewinnt am Ende das Wohlfühlangebot. Das, was keine Anforderungen an einen stellt.

Dezentral ist unter kritischen Aspekten die bevorzugte Darreichungsform in der digitalen Welt. Vehement wird für dessen Vorzüge eingestanden. Das Hauptargument, ohne kontrollierende Zentralinstanz liegt nicht die gesamte Verfügungsgewalt in eben jenen Händen, können sogar durchaus weniger sicherheitsbewusste Nutzer nachvollziehen. Zum Verstehen und Begreifen ist es dann allerdings noch ein langer, den meisten allzu beschwerlicher Weg.

Die Welt gerät aus dem Gleichgewicht. Betroffen sind alle Menschen, die zugleich Hauptschuldige sind. Absurd und mit Vernunft nicht zu erfassen, graben wir unser eigenes Grab. Dabei ist alles vorhanden, um uns von diesem Irrsinn abzuhalten. Überall sind warnende Stimmen zu vernehmen. Allerorten heben sich Zeigefinger und buhlen um Beachtung. Querbeet verteilt sich der Grad an Komplexität in den Belegen, sodass prinzipiell für alle Auffassungsstufen gesorgt ist.

Alle Bedrohungen liegen in mannigfaltigen Ausführungen vor. Der Haken ist, dass Wissen, Kritik und Widerstand verteilt sind, sowohl vertikal, als auch horizontal. Innerhalb, wie auch außerhalb. Ein Flickenteppich in höchster Vollendung. Die Involvierten kämpfen jede/r für sich im und für sein/ihr Segment. Selbst die vermeintlich große #FridaysForFuture-Bewegung wird zwar global wahrgenommen, ist im Ergebnis jedoch ziemlich harmlos, weil sie sich letztlich auf die tapfer kämpfende Greta Thunberg fokussiert und zum Personenkult stilisiert wird. Im Kleinen, lediglich auf sich bezogen agierend, schwächeln sämtliche Bemühungen und erreichen daher keine notwendige Durchschlagskraft. Das macht es den Mächtigen in Wirtschaft und Politik einfach, ihre Gegner in Schach und Klein zu halten.

Wer nun erwartungsvoll auf die Medien zeigt, hat deren Totalversagen scheinbar noch nicht realisiert. Überall und in allem sind Presseerzeugnisse eine glattgebügelte Enttäuschung. Zwar sensationsgeil wie seit jeher, hechelt Journalismus artig dem angesagtem Mainstream hinterher und dackelt brav an der politischen Führungsleine. Man will ja nicht in Ungnade fallen und seine Leckerli, wie zum Beispiel das Leistungsschutzrecht (LSR), riskieren. Trotz oder gerade wegen seiner erpressten Zwangssubventionierung verkommt der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) zum linientreuen Staatsfunk. Hier stopft man sich nur noch ungeniert die Taschen, versagt aber den zahlenden ihre Stimme.

Egal ob der Widerstand und/oder Protest nun ökonomisch, ökologisch und/oder soziologisch ist, geht jeder für sich in der Menge an Aufmerksamkeitssuchende unter oder schafft es nicht durch die Wahrnehmungsfilter der Angesprochenen. Während der Neoliberalismus die Wirtschaft zur Konsolidierung zwingt, zerfranst der Aufstand dagegen immer mehr. Statt durch Zusammenschlüsse die Schlagkraft zu erhöhen, wird eigensinnig darauf gehofft den ganzen Ruhm einzustreichen und stur die eigene Irrelevanz ignoriert. Diese Klein Krämerei nützt niemanden und führt zu nichts.

Mag es auch ein Reizwort sein, kann nur Zentralisierung die Lösung sein. Es bedarf eines Dachverbands oder übergeordneter Organisation, um alles Wissen zu bündeln und Massentauglich aufzubereiten. Zugleich wäre dieses Konstrukt unüberhörbar und derart mächtig, dass keine Regierung es sich leisten kann dagegen zu agieren oder untätig zu bleiben. Wenn dem Druck der Wirtschaft etwas entgegnet werden soll, muss der Gegendruck mindestens gleichstark sein. Um wirkungsvoll zu sein entsprechend größer. Die derzeitige Situation ist – schonungslos ausgedrückt – ineffizient und eine Verschwendung von Energien.

Gerade im Naturschutz bedient sich die vermeintlich seriöse Wirtschaft inzwischen ohne Skrupel vormals kriminellen Strukturen vorbehaltenen Verhaltensweisen und ermordet unbequeme Aktivisten. Im Gegensatz zu illegalen Kreisen mimen sie den Ahnungslosen und waschen niederträchtig ihre Hände in Unschuld. Profit räumt Hürden einfach aus dem Weg. Folgt man dem Geld, landet man unweigerlich in den Glaspalästen gewissenloser Manager. Diese scheuen zum Beispiel auch keine Kinderarbeit und halten diesbezüglich nur Maulaffen feil.

Grundsätzlich ist genug Material vorhanden und das Internet ermöglicht einen leichten Zugang, dennoch stocken notwendige Reformen. Vielfach entwickelt sich die öffentliche Wahrnehmung sogar konträr und Widerstände werden als Störungen inszeniert, was nicht nur hinderlich ist, sondern die Haltungen gegen deren Anliegen verhärtet. Die Stückelung der Gefahren und ihren Gegenmaßnahmen kommen bei der Masse als Einschränkungen der persönlichen Freiheiten an. Daher ist es für die Gegner ein Leichtes sich dagegen zu Positionieren und die passive Mehrheit für sich zu gewinnen. Sie haben dabei die angeblichen Qualitätsmedien auf ihrer Seite, die ihre Segel stramm nach dem vielversprechendsten Wind ausrichten. Deren postulierte Unabhängigkeit wird schlicht nicht als Lüge erkannt. So werden Retter zu Gefährdern.

Ohne Ordnung und Ballung wird sich jeder Widerstand aufreiben, die Beteiligten zermürben und kein Richtungswechsel erreichen. Die Notwendigkeit sämtlicher Bemühungen steht außer Frage. Doch nur eine Bündelung aller Kapazitäten kann noch die erhofften Wirkungen erzielen. Allerdings dürfte 2020 den Scheitelpunkt darstellen. Schaffen die Reformer in diesem Jahr keinen nennenswerten Durchbruch, sind sie gescheitert. Wenn sie ihre Fragmentierung nicht umgehend in den Griff bekommen, nimmt man ihnen ihre weltverändernden Ansprüche nicht ab.

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