Dukatenscheißer

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„Her mit deinem Geld!“, schallt es bedrohlich aus allen Ecken. „Haltet die Diebe!“, ist man geneigt zurückzurufen. Jedoch finden keine Überfälle statt, sondern völlig legal wird hier in fremde Taschen gegriffen. Die Täter haben aber ähnlich wenig Respekt vor dem Eigentum anderer wie klassische Räuber. Während Diebe einbrechen und mitnehmen was sie für wertvoll erachten, geht die neue Generation von Gaunern subtiler und infamer vor. Am laufenden Band generieren sie neue Bedürfnisse, für die sie dann hemmungslos zur Kasse bitten. Dabei kann von bitten nicht die Rede sein und ist der Redensart geschuldet. Rigoros verfahren sie nach der simplen Methode Friss oder Stirb. Vordergründig werden keine Gesetze gebrochen und im Weiteren aufwändig versucht sich die Opfer vom Hals zu halten. Scheinheilig, wie es ihrem Wesen entspricht, mimen sie nach außen den besten Kumpel, um hinter der Fassade dann die Messer zu wetzen.

Dieser sich ausweitenden Trend ist alles andere als neu. Er wird jedoch von ungewohnten Betätigungsfeldern okkupiert und erlebt dadurch eine unerwartete Renaissance. Zum Leidwesen aller Verbraucher, denn Gewinnern stehen immer Verlierer gegenüber. Verhängnisvoller Weise breitet sich diese Form des Abkassierens geradezu explosionsartig aus. Früher kam auf diesem Weg die Tageszeitung ins Haus, doch inzwischen prangt auf allerlei Gebrauchsgütern und Dienstleistungen das Abo Schild. Was wiederum auf Seiten der Zahlungspflichtigen dazu führte eine zuvor geächtete Einnahmeoption gesellschaftsfähig zu machen. Unter anderem Namen und neuem Anstrich natürlich, um nicht mit dem schmuddeligen Ursprung in Verbindung gebracht zu werden. Betteln tun schließlich nur die auf der Straße, aber doch nicht die feine Internetsociety.

Die aktuelle Situation, die sich permanent weiter entwickelt und zuspitzt, ist schon irgendwie putzig. Auf der einen Seite stinkt es der Wirtschaft Löhne zu zahlen, aber wollen sich jeden Fingerstreich bezahlen lassen. Realitätsfern gehen sie davon aus, dass die Geldbörsen der Verbraucher bis zum Bersten gefüllt sind und nur darauf warten an jeder Ecke gezückt zu werden. Woher dieses Geld stammen soll interessiert die Gierschlunde nicht. Eines vieler Paradoxe, die sich im Verlauf noch auftun.

Konsumenten lechzen natürlich danach den angefachten Appetit stillen zu können. Zweit- oder Drittjob reichen aber längst nicht mehr. Genügend Pfandflaschen für alle dürften in den Mülleimern kaum vorhanden sein, zudem sich das auch nicht wirklich für dieses Klientel ziemt. Findige Gierhälse haben diese Bedarfslücke schnell erkannt und kurzerhand die Sammelbüchse von Straßenkünstlern in eine Internetplattform verwandelt. Hier bieten nun Nutzer ihre Steckenpferde feil und hoffen dafür von anderen einen kleinen monatlichen Obolus abstauben zu können. Um sich dann wiederum etwas aus dem zahlreichen Abo-Angebot leisten zu können. In ihrem Verlangen werden die negativen Folgen nicht bedacht. Blutet dadurch das Internet weiter aus, denn die, die dort um ein paar Cents buhlen, haben meist vorher eigene Blogs oder ähnliches betrieben, die nun aussterben. Reich werden hingegen nur die Plattformbetreiber, die sich für die überflüssige Geldumleitung schamlos an den Büchsen bedienen. Ziemlich paradox, konzentriert sich das Webangebot immer weiter und verkümmert zur kommerziellen Vertriebsplattform. Außer Profit scheint das Internet für die Masse keinen Nutzen zu haben. Den Teil des Wutbürger-Abschaums mal ausgeklammert.

Der Zulauf zu den Bettelplattformen offenbart ein weiteres Paradoxon. Es zeigt, dass nicht genügend Geld vorhanden ist, um all die verlockenden Abos zu bedienen. Wirbt aber die Mehrzahl der Nutzer um Unterstützung, tut sie dies im Grunde bei ihresgleichen. Man will sich demnach an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Laut Münchhausen soll das ja funktionieren und Physiker werden nicht gefragt.

Lange wurden Zeitungsverlage für ihr Festklammern am traditionellen Abonnent gerüffelt und belächelt. Hat sich merkwürdigerweise diese Haltung kaum geändert, erfährt deren Abo-Modell populäre Fürsprache. Obwohl diese Einschätzung nicht ganz richtig ist. Vielmehr annektieren immer mehr Wirtschaftszweige diese Art Konsumenten ein Dauerschuldverhältnis ans Bein zu binden. Kunden abhängig machen, um sie dann selbst fürs eigene Nichtstun abzocken zu können. Ein feuchter Traum der Profiteure geht in Erfüllung. In diesem Ausmaß natürlich erst durch das Internet ermöglicht.

Über den Grundbedarf hinaus grassiert die Abo-Pest. Selbst App-Entwickler schwenken zunehmend auf diese lukrative und bequeme Einnahmequelle. Sehr wahrscheinlich haben wir aber das Ende längst nicht erreicht. Wenn es um Profite geht, ist die Wirtschaft durchaus einfallsreich. Nicht innovativ wohlgemerkt, denn Abos sind ja nun wirklich ein alter Hut. Aber dieser wird in neuen Formen daher kommen, wie wir Verbraucher es uns in den schlimmsten Alpträumen nicht werden ausmalen können.

Die Kaffeemaschine mit inkludiertem Kaffee-Abo? Wird sicher kommen, aber das alleine wäre profan. Auf dem integrierten Display wird Werbung angezeigt, womit sich der Abo-Preis reduzieren lässt. Durch Tracking mit der integrierten Kamera weiß die Maschine natürlich auch, wann sie eigenständig aktiv werden muss und wer im Haushalt wann wie viel Kaffee konsumiert. Davon hängt nicht nur die von der Maschine automatisch ausgelöste Bestellung ab, sondern werden die gesammelten Daten mit Werbepartnern geteilt, die ihre Aktionen darauf abstimmen können. Letztlich geht es nur um das einzig Wahre … aus Sicht der Wirtschaft natürlich: uns bestmöglich den letzten Cent aus der Tasche zu pressen.

Neben den mehr oder weniger direkten Verbindungen zwischen Anbieter und Abnehmer hat sich jedoch eine parasitäre Zwischenschicht etabliert. Ein weiteres Paradoxon, denn ist ihre Existenz auch völlig überflüssig, wollen dessen Nutzer nicht mehr darauf verzichten. Auf die Faulheit der Verbraucher ist Verlass und ein sorgloser Garant. Schiebt sich nun zwischen die vormals unmittelbare Beziehung von Auftraggeber und Auftragnehmer ein Umweg, sortiert sich damit auch der Geldfluss neu. Absurderweise profitiert letztlich die nutzlose Zwischenstation am meisten. Die Mehrkosten teilen sich Auftraggeber und Auftragnehmer. Ersterer muss tiefer in die Tasche greifen und letzterer einen Teil seiner Gewinne abgeben. Durch Qualitätsreduzierung der eingesetzten Waren wird versucht dies zu kompensieren. Der Auftraggeber ist damit doppelt angeschmiert: Bezahlt einen höheren Preis und erhält dafür verminderte Qualität. Warum die Verbraucher diesen hirnrissigen Unsinn unterstützen und nicht den Vogel zeigen, obwohl sie die Dummen sind, ist das nächste Paradoxon.

Absurd ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich der Dazwischendrängler als Diktator gebietet und sich gerade die am meisten betroffenen Auftragnehmer diesem unterwerfen. Möglicherweise zähneknirschend führen sie dann stets an, keine Wahl zu haben. Was für armseliger Schwachsinn.

Unterm Strich kommt eine erschreckend negative Bilanz zustande. Konsumenten werden mit Angeboten überflutet. Nur die wenigsten können sich bequem an der Oberfläche halten. Die Masse kämpft hingegen darum nicht unterzugehen und japst verzweifelt nach Luft. Niemand kann und will zugeben den Versuchungen nicht gewachsen zu sein. Doch woher soll der Auftrieb, also das Geld, kommen?

Idealerweise sollte Geld wie Wasser in einem Kreislauf zirkulieren. Tut es aber nicht. Stattdessen staut es sich in einigen wenigen Sammelbecken. Von dort wird gerade so viel durchgelassen, wie es sich auch unter größten Anstrengungen nicht vermeiden lässt. Daher fühlen sich Zentralbanken beflissen massenhaft neues Geld zu drucken, damit die Zuläufe nicht austrocknen. Nicht um die Staubecken weiter zu füllen, sondern damit alles davor am Leben gehalten wird. Dass dieser Irrsinn nicht dauerhaft funktionieren kann, wird von den Akteuren ignoriert. Selbst die, die Ahnung von der Materie haben, blenden die Wahrheit aus. Sie wissen, dass sie sonst eine Katastrophe lostreten würden, deren Auswirkungen verheerend sein werden und sie zu feige sind die Verantwortung für zu übernehmen.

Woher nehmen und nicht stehlen? Neben zahlreichen Streaming-Diensten prangt auf vielerlei Angeboten ein fettes Abo-Schild. Selbst profane Apps lassen sich das Ausbessern von Fehlern oder pures Nichtstun überheblich per Abo vergolden. Darüber hinaus wird immer mehr grundlegende Software ins Abo-Modell überführt. Office zum Beispiel oder auch eine weit verbreitete Creative-Suite für Medienschaffende. Abhängigkeiten werden von den Anbietern skrupellos zum stetigen Geldfluss umgemodelt. Mit Abwanderung brauchen sie nicht rechnen und über lautstarke Proteste lächeln sie müde hinweg. Ohne ernsthafte Alternative können sie sich diese arrogante Haltung erlauben.

Doch damit ist längst kein Ende erreicht. Gerade Internetdienste setzen zunehmend auf den Abo-Gaul. Simple RSS-Reader verlangen unverhältnismäßige Preise und anderswo eröffnet erst der Griff ins Portemonnaie einen brauchbaren Nutzungsumfang. Und dann sind da noch Vereine und Organisationen, die sich für gerechte, soziale, gesellschaftliche und/oder ökologische Themen engagieren. Die trotz der Bedeutung ihrer Mission oft nicht die erforderliche Bekanntheit erfahren. Bei allem darf natürlich nicht der Grundbedarf vergessen werden: Internetanschluss, Mobilfunk, Rundfunkgebühr.

Was kommt dann? Einzelkauf wird auf Abo umgestellt und generiert einen steten Geldfluss. Der kapitalistische Größenwahn schreibt aber permanentes Wachstum vor. Die Abo-Preise kontinuierlich erhöhen, ist das eine, hat aber seine Grenzen. Und danach? Woher soll all das Geld kommen, das Wirtschaft verlangt, selbst aber nicht abgeben will? Ob vorher von der Mehrheit der Menschen endlich erkannt wird, dass das Wachstumsgelübde eine betrügerische Lüge ist und sie auf falsche Pfade gelockt wurden?

Summa summarum übersteigt der neue Zwang zum Abo die vorhandenen Geldmittel bei den Konsumenten. Kredite müssen her, weshalb uns allerorten eingeimpft wird, dass Wirtschaft nur so funktionieren könne. Eine Gesellschaft, die auf Pump lebt, ist jedoch keine freie. Menschen werden gelenkt und durch ständig gesteigerte Abhängigkeiten von den Profiteuren in Ketten gelegt. Mag es sich noch so feudal anfühlen, lassen wir uns in ein Gefängnis locken. Ein Tier geht in die Falle, weil es Trieben folgt und nicht über die Intelligenz verfügt, um die Gefahr zu erkennen.

Hinter jedem Ball her hecheln und jedes Leckerli gierig verschlingen ist das Verhalten eines Hundes, nicht eines reflektierten Menschen. Wirtschaft zieht an allen Leinen, um uns zu ergebenen Hunden zu dressieren. Wir könnten ihr den Mittelfinger zeigen und deren Ambitionen einen Riegel vorschieben. Geht es dem Profit an den Kragen, wird er kurzatmig. Erst unter Zwang ist er bereit zu erkennen, dass er über die Stränge schlägt. Doch hier kommen wir zum nächsten und letzten Paradoxon in dieser unsäglichen Geschichte: Wir bestehen auf unsere einzigartige Intelligenz, aber handeln ohne sie. Denken bereitet keine Schmerzen und doch wird es wie ein Makel gemieden. Traurig.

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