Das Kreuz mit dem Kreuz

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Es ist zum Haare raufen. Längst lässt sich die politische Lage nicht mehr nüchtern ertragen. Wer dem Alkohol abgeneigt ist, bekommt die grausame Realität täglich pur serviert. Am liebsten möchte man weit weglaufen. Doch wohin? Schaut man sich in der Welt um, ähneln sich die katastrophalen Entwicklungen. Unterschiede bestehen einzig in der absolvierten Strecke auf dem falschen Pfad. Was bringt es also bei Wahlen irgendwo sein Kreuz zu machen? Hat es überhaupt noch einen Sinn, wenn man sich nur zwischen verschiedenen Abstufungen des Übels entscheiden kann? Knallt der Karren mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand, kommt es auf Modell oder Farbe nicht an.

Die Krux an der Sache ist, dass uns Politiker für dumm verkaufen und uns wie immer das Blaue vom Himmel versprechen. Wie üblich fallen wir darauf herein, weil uns nichts anderes übrig bleibt. Es ehrt das Wahlvolk an der Hoffnung festzuhalten, es könnte sich genau mit dem heutigen Kreuz etwas ändern. Tapfer wird ausgeblendet, dass doch nur wieder haufenweise Enttäuschungen auf uns warten. Konsterniert dürfen wir dann erleben, wie schlimm immer noch schlimmer geht. Warum gleicht das politische Sortiment einem Wühltisch, auf dem die widerlichsten Plagen platziert sind?

Auf diese und alle nicht gestellten Fragen gibt es eine simple, wie auch betrübliche Antwort: das System.

Wir, damit auch die Parteien, bewegen uns in den engen Grenzen der von uns geschaffenen Strukturen. Alles spielt sich in diesem Rahmen ab. Selbst Diktaturen unterliegen dessen Regeln. Politik justiert lediglich an den für sie passenden Stellschrauben, um sich von anderen zu differenzieren. Bei ihrer Selbstbeschäftigung entgeht ihnen, wie weit sie sich von denen distanziert haben, deren Vertreter sie eigentlich sein sollten. Doch außer der Bezeichnung erfüllen sie dessen Bedeutung längst nicht mehr. Zumindest in diesem Punkt herrscht Einigkeit im Farbspektrum. In die politische Sphäre dringen gesellschaftliche Risse und deren Wirkungen nicht mehr. Vor Wahlen werden lediglich populistische Themen annektiert, von denen man hofft am besten zu profitieren. Anschließend sind diese schnell Makulatur, werden bisweilen sogar ins Gegenteil gedreht.

Also kein Kreuz machen? Das wäre in der Tat mal einen Versuch wert. Der Politik komplett den Zuspruch verweigern, dürfte den Hampelmännern und -frauen ihr Versagen derart hart ins Gesicht klatschen, dass ihnen Hören und Sehen vergeht. Nur deren hohle Phrasen und leeres Geplapper werden wohl leider nicht verstummen. Allerdings ist dieses Szenario ebenso unwahrscheinlich, wie den Klimawandel zu stoppen oder dass Menschen respektvoll miteinander umgehen. Schließlich dürfte nicht ein einziges Kreuz gemacht werden. Diese 100 % sind niemals zu erreichen. Genügend werden argumentieren, dass ihnen die Politik ihrer favorisierten Partei gefalle und sie keinen Vorteil oder Sinn in einer Totalverweigerung sähen.

Gewinnen daher die lautesten Marktschreier, die ihr Angebot mundgerecht präsentieren? So einfach wie in den USA ist es hierzulande dann doch nicht. Tendenzen hierzu deuten sich aber bereits an. Noch ist das Wahlvolk wählerisch, womit es anfällig für vielerlei Beeinflussung ist. Sowohl positive wie negative, was natürlich vom jeweiligen Standpunkt abhängt. Grundsätzlich ist diese Systematik aber die weitaus bessere und unbedingt zu erhalten. Ohne Pluralität drohen sonst autokratische oder totalitäre Verhältnisse.

Also geht es letztlich wie üblich nur um das kleinste Übel? Scheint so, nur dass dafür ebenso viele Definitionen wie Wähler und Wählerinnen existieren. Eine Vielzahl ist zudem in Gewohnheiten gefangen. Sie wählen stur, was sie schon immer gewählt haben. Hier braucht es schon extreme Kräfte, um diese umzustimmen. Das haben auch andere erkannt und decken diesen Bedarf inzwischen ab. Zum Leidwesen der gemäßigten Mehrheit.

Unterm Strich zählt nur eins: wir! Wir alle als einheitliche Gemeinschaft, die eine friedliche und lebenswerte Zukunft anstrebt und der ein respektvoller Umgang wichtig ist. Offeriert eine Partei hierfür Perspektiven, kann man ihr die Chance geben sich auch zu beweisen. Wer dagegen Hass sät, Aggressionen für ein probates Mittel hält und sich daran ergötzt Menschen gegeneinander aufzuhetzen, sollte mit absoluter Missachtung geächtet werden. Eine destruktive Gedankenwelt ist nicht am Aufbau interessiert. Weil sie selber nichts erschaffen können/wollen, zählt für sie nur die Unterdrückung, um sich selbst erhaben zu fühlen.

Am Ende besteht das ursächliche Kreuz mit dem Kreuz nicht darin die vermeintlich richtige oder beste Partei zu wählen, sondern problematische Entscheidungen unserer Mitmenschen gemeinsam zu hinterfragen, um uns dann zusammen für eine anständige Politik einzusetzen – Seite an Seite.

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