System reformieren oder scheitern

Gemeinsam die Gier überwinden, bevor sie uns tötet.

Abwärtsspirale

Wirtschaft • 17.01.2023 • Lesezeit ∼ 8 Min.

Kaum wahrgenommen und nicht an die große Glocke gehängt, um nicht in Erklärungsnot zu geraten, geht Politik seit geraumer Zeit mit Trickle-Down als Heilsbringer hausieren. Wie Wasser soll Geld von oben nach unten fließen. Was logisch klingt, weshalb Politik darauf hereinfällt, ist ein abgekartetes Spiel. Als würden hierfür dieselben physikalischen Gesetze und natürlichen Gegebenheiten gelten oder sich diesen gar unterwerfen.

Wahr ist allerdings, dass alles Geld in eine Richtung strömt. Nur eben in eine andere, als versprochen. Wie Flüsse Ozeane speisen, füllen Massen an Arbeitssklaven die Schatullen weniger Ausbeuter. Die denken nicht im Traum daran, auch nur einen Tropfen davon abzugeben. Wachsam hüten sie ihre Schätze und nutzen ihre Macht, um die Bedingungen zu ihren Gunsten zu formen. Allerorten fügen sich Politiker bereitwillig diesen Begehrlichkeiten. Ob aus Ignoranz oder Dummheit für die Konsequenzen, sollte mal global untersucht werden.

Tatsächlich hat diese Systematik Auswirkungen nach unten (= Trickle-Down). Quetscht man Obst aus, versiegt der Fruchtsaft irgendwann und der Rest vertrocknet allmählich. Überall sind gepeinigte, abhängige Menschen diesem Prozedere ausgeliefert. Sinkende Einkommen, unsichere Aussichten bei steigenden Anforderungen und angeheizte Konsumbedürfnisse, produzieren seit Jahren ein kontinuierlich anwachsendes Pulverfass. Ähnlich einem Vulkan brodelt es erst unbemerkt im Untergrund, bevor sich Spannungen nach oben ausbreiten, um sich explosionsartig zu entladen.

Die reiche Elite hält sich für privilegiert und unangreifbar. Sie verlässt sich darauf, dass ihr Geld sie schützt und ihre politischen Lakaien sich anstrengen, um Gefahren von ihnen fernzuhalten. Ein Blick in die Geschichtsbücher könnte sie eines Besseren belehren. Wer aber überzeugt ist, über den Dingen zu stehen, fühlt sich nicht betroffen. Arroganz überdauert nicht nur Jahrhunderte, sondern erfindet sich auch immer wieder neu. Was durchaus als erstaunlich bezeichnet werden darf. Permanent ändert sich unsere Art zu leben, doch mühelos passen sich unsere Schwächen an.

Der Markt würde sich selbst am besten regeln. Unentwegt beschwören landauf, landab, Politiker dieses Mantra. Wohl, um es sich in die eigenen Köpfe zu hämmern. Womit sie sich unisono zum Affen machen, denn hinter verschlossenen Türen lacht der Geldadel sie aus. Dort besteht überhaupt kein Interesse der Gesellschaft zurückzugeben, was über das absolut unvermeidliche hinausgeht. Viel lieber investieren sie in Strategien, um diese Anteile immer weiter zu reduzieren. Skrupel kennen sie keine. Dafür bräuchte es Schuldgefühl, wovon dieser Schlag Mensch völlig befreit zu sein scheint. Ihre Mentalität gleicht denen krimineller Individuen. CumEx brachte diese verborgenen Machenschaften ans Licht und ins öffentliche Bewusstsein. Wirecard unterstrich das unlautere Gebaren dieser Kaste.

Zahlreiche Aufdeckungen in den letzten Jahren bestätigen zudem, dass man dort Oben von Trickle-Down nichts hält. PanamaPapers, LuxLeaks, PandoraPapers und all die anderen Beweise belegen die primäre Haltung dieses Zirkels: Der Pöbel dient einzig dazu frisches Kapital zu generieren. Horten um jeden Preis, lautet ihre Devise.

Zweifellos würden viele vergleichbar handeln, weil es instinktiv ist. Wie auch, die gemachte Beute dann mit allen Mittel zu verteidigen. Nun sind wir Menschen keine Raubtiere (mehr (– eigentlich –)) und rühmen uns durch unsere Intelligenz von Tieren zu unterscheiden. Diese Fähigkeit sollte gerade dazu dienen, animalische Triebe zu kontrollieren und in anständige Bahnen zu lenken. Unser Handeln glänzt jedoch vielmehr durch Selbstbetrug. In einer Gemeinschaft, die sich wegen ihrer Errungenschaften lobt und als herausragend betrachtet, gefährden Ausreißer das ganze Gefüge. Es spielt keine Rolle, an welcher Stelle diese Störungen passieren. Oben, unten, links, rechts – völlig egal. Die Auswirkungen betreffen alle und prallen auch auf die Auslöser zurück. Wackelt man an einem Faden eines Netzes, zieht sich das Beben komplett über alle Verbindungen.

In der Tierwelt agieren äquivalente Akteure, für deren Lebensweise es eine Bezeichnung gibt: Parasitismus!

Rigoros nehmen, ohne zu geben, gefährdet das gesamte Konstrukt. Spannungen entstehen, Druck baut sich auf. Simple Physik sagt uns, was unweigerlich folgt: Entladungen. Wie in einem Dampfdruckkessel muss aufgebauter Druck entweichen. Druck erzeugt immer Gegendruck und löst irgendwann Reaktionen aus. Wie diese dann ausfallen, liegt an den Beteiligten und Umständen. Spezifizieren lassen sie sich schwer, aber negativ sind sie allemal.

Politik könnte schlimmeres verhindern, doch sind sie als Wegbereiter dieses Systems in ihrer eigenen Hölle gefangen. Deshalb haben sämtliche Enthüllungen über Steueroasen keine politischen Nachspiele. Wird im Gegenteil das Decken rechtswidriger Machenschaften mit dem Kanzleramt honoriert, strahlt dies ein verheerendes Signal an die Bürger aus. Wenn der Ehrliche zum dummen August degradiert wird und den Preis für die Raffgier anderer bezahlt, ist es kaum verwunderlich, wenn er sein Verhalten entsprechend anpasst.

Zweifelsohne gibt es eine funktionierende Abwärtsspirale, nur nicht in der Form, wie sie angepriesen wird. Rutscht die Mehrheit der Bevölkerung ihrem Abstieg entgegen, bleibt dies nicht folgenlos. Niemand nimmt es widerstandslos hin, wenn ihn alle seine Anstrengungen in die entgegengesetzte Richtung leiten. Reißt sich unredliches Verhalten das größte Stück eines Kuchens unter den Nagel, avanciert dies zum Vorbild für alle. Ohne viel Phantasie lässt sich ausmalen, dass dies eine Verrohung der Gesellschaft bewirkt. Für rechte Dogmatiker ein gefundenes Fressen.

Längst keine Utopie mehr, sondern bittere Realität. Und in Deutschland stehen wir erst am Anfang dieser Entwicklungen. Andere Länder sind auf ihrem totalitären Kurs schon weiter. Doch statt uns eine Warnung zu sein, trotten wir gedankenlos auf dem ausgetretenen Pfad hinterher.

Hierzulande befeuert besonders eine Partei diese destruktiven Machenschaften: die FDP. Ein ungeregelter Markt, auf dem die Reichen frei walten und schalten können, symbolisiert quasi deren Lebenselixier. Eine kleine Oberschicht, der alles zur Mehrung ihres Wohlstands erlaubt ist. Überspitzt ließe sich deren Bestrebungen auch beschreiben, dass sie die alten Tage der Sklavenhaltung zu vermissen scheinen. Wähler dieser Partei drücken dadurch ihre sympathisierende Geisteshaltung aus. Dass deren Praktiken der Gesellschaft schaden, ist unübersehbar. Man muss es also bewusst ignorieren und zu Recht biegen. Jedem steht es frei, sich selbst zu belügen, ist dann aber als Volksvertretung untauglich.

Billionen an Geldern für die persönlichen Eitelkeiten und Machtgier einiger wenige nutzlos herumliegen zu lassen, ist absolut hirnrissig … widersinnig … absurd. Dabei verabscheut das System alles Nutzlose. Diese Verschwendung ist ein Verbrechen an der Gesellschaft. Da die Besitzer es nicht freiwillig herausrücken und Politik sich weigert ihrer Verantwortung nachzukommen, braucht es andere Mittel und Wege, um das der Gesellschaft entzogene Blutgeld wieder der Allgemeinheit zugänglich zu machen und einer sinnvollen Verwendung zuzuführen.

Wir alle, als gesamte Menschheit, können uns diese einseitige Verschiebung finanzieller Mittel schlichtweg nicht leisten. Wenn sich alles ums Geld dreht, gehört dessen Bestand gleichmäßig verteilt. Es lediglich auf einer Einbahnstraße in wenige Taschen lenken, ist ein Irrweg. Besitzen ein Prozent mehr Vermögen als die Hälfte der Weltbevölkerung, würde ein intelligentes Wesen erkennen, dass hier etwas ganz gewaltig im Argen liegt. Überall lösen die entstehenden Verwerfungen Unmut aus. Am Ende schaukeln sich die Gemüter so weit auf, dass mit Gewalt Territorien verteidigt werden. Die eigentliche Ursache, das Ungleichgewicht, wurde dann längst vergessen.

Wie weit wir inzwischen aus der Spur geraten sind, zeigt der Umgang mit denjenigen, die eine gerechtere Verteilung einfordern. Sie werden als Nestbeschmutzer beschimpft und diffamiert. Wer Anstand und Respekt für alles Lebende verteidigt, dem wird vorgeworfen, keinen Anstand und Respekt vor dem – angeblichen – Verdienst der Vermögenden zu haben. Deutlich zeigt dies, wie uns der Neokapitalismus infiltriert und nach seinem Gusto manipuliert hat. Kaum dringlicher offenbart sich, dass wir diesem finanziellen Diktator Einhalt gebieten müssen, bevor wir uns gegenseitig zerfleischen.

Trickle-Down ist ein Trick, eine Finte, um uns hinters Licht zu führen. Weil dem Gros der Bevölkerung unterstellt wird, Zusammenhänge nicht zu begreifen, dient die hochtrabende Darstellung dazu, sie weiterhin ruhig zu stellen.


Ergänzende Lektüre:

* Bevor Rubikon sich auf die Seite der Verschwörungstheoretiker schlug, fanden sich dort gute Beiträge. Eben solche sollten nicht unter der unrühmlichen Entwicklung leiden, weshalb entsprechende Verweise fortbestehen.